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Inhaltsverzeichnis
Der Tower und seine Kameras
Auf dem Kontrollturm des Flughafens Braunschweig-Wolfsburg befindet sich eine auffällige Kameraanlage. Solche Kameras bilden die sichtbare Außensensorik eines Remote-Tower-Systems: Sie erfassen das Flugplatzgelände und übertragen die Bilder in einen räumlich entfernten Kontrollraum.
Ob und in welchem Umfang die auf dem Braunschweiger Tower installierten Kameras unmittelbar zum Remote Tower Center gehören, sollte anhand der technischen Dokumentation des Flughafens belegt werden.
Remote Tower Center
Das Remote Tower Center (RTC) am Flughafen Braunschweig-Wolfsburg ist das erste norddeutsche Zentrum dieser Art. Der Begriff „Remote Tower“ bezeichnet die Betreuung eines Flugplatzes aus einem räumlich entfernten Kontrollraum.
Die zuständigen Fachkräfte arbeiten dabei nicht in einem Tower am betreuten Flugplatz. Stattdessen erhalten sie über hochauflösende Kameras, Monitore und weitere technische Systeme die für ihre Aufgaben erforderlichen Informationen über das Flugplatzgelände und den Flugverkehr.
Als erster Standort wurde der Flugplatz Emden an das Braunschweiger Center angeschlossen. Sein Flugplatzverkehr wird seit Anfang 2025 aus Braunschweig betreut.
Von der Idee zum Betrieb
Wichtige Grundlagen des Remote-Tower-Konzepts wurden am DLR-Institut für Flugführung in Braunschweig entwickelt. Die Forschung an einem virtuellen Kontrollturm begann dort im Jahr 2002. Bereits 2005 entstand am Flughafen Braunschweig-Wolfsburg ein erster Prototyp.
Nach dem Technologietransfer nahm im Jahr 2015 im schwedischen Sundsvall das weltweit erste Remote-Tower-System im Regelbetrieb seine Arbeit auf.
Die konkrete Umsetzung für Braunschweig und Emden begann 2019 mit einer Machbarkeitsstudie. Auftraggeber waren die Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH und die Flugplatz Emden GmbH. Durchgeführt wurde die Studie von der DFS Aviation Services GmbH.
Am 14. Juni 2021 übergab das Niedersächsische Verkehrsministerium den Förderbescheid für den Aufbau des ersten norddeutschen Remote Tower Centers. Am 19. Mai 2022 unterzeichneten die Flughafen Braunschweig-Wolfsburg GmbH, die Flugplatz Emden GmbH und die DFS Aviation Services GmbH einen Vertrag zur Umsetzung des Projekts.
Mit einem Kooperationsvertrag vom 9. Dezember 2022 vertieften Braunschweig und Emden ihre Zusammenarbeit. Ziel war es, betriebliche und wirtschaftliche Synergien zu schaffen.
Am 28. November 2024 wurde das Remote Tower Center offiziell eröffnet.
Betrieb und Technik
Seit dem 1. Januar 2023 übernimmt die DFS Aviation Services GmbH (DAS) die Flugsicherungsaufgaben am Flughafen Braunschweig-Wolfsburg. Zuvor war Austro Control dafür zuständig. Die DFS Aviation Services ist eine Tochtergesellschaft der Deutschen Flugsicherung.
Für den Betrieb und die technische Betreuung des Systems arbeitet die DFS Aviation Services unter anderem mit der Frequentis DFS Aerosense GmbH und der ESPA GmbH zusammen.
Ein wesentlicher Bestandteil des Systems ist eine optische Rundumsicht. Kameras erfassen das Umfeld des betreuten Flugplatzes und übertragen die Bilder in hoher Auflösung an die Arbeitsplätze im Braunschweiger Kontrollraum. Je nach technischer Ausführung können zusätzlich schwenk- und neigbare Zoomkameras sowie weitere Sensoren und Datenquellen eingesetzt werden.
Das Braunschweiger Center ist nach veröffentlichten Angaben für die Betreuung von bis zu sechs Flugplätzen ausgelegt. Die gemeinsame Nutzung von Personal, Technik und Infrastruktur kann insbesondere kleineren und mittleren Verkehrslandeplätzen wirtschaftliche Vorteile bieten.
Das Vorhaben wurde vom Land Niedersachsen gefördert.
Häufige Fragen
Das Remote Tower Center wirft Fragen zur Zulassung, zur Technik und zur Betriebssicherheit auf. Die folgenden Abschnitte geben einen allgemeinen Überblick. Konkrete technische Einzelheiten des Braunschweiger Systems sind nicht vollständig öffentlich dokumentiert.
Zulassung und Aufsicht
Wer prüft und genehmigt ein Remote Tower Center?
An der Genehmigung und Überwachung eines Remote-Tower-Betriebs sind verschiedene Luftfahrt- und Flugsicherungsbehörden beteiligt. In Deutschland nimmt dabei das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung (BAF) wichtige Aufgaben wahr.
Berücksichtigt werden nationale, europäische und internationale Vorgaben. Dazu gehören unter anderem Regelungen der ICAO, Vorgaben der EASA und technische Standards von EUROCAE.
Vor der Aufnahme des Regelbetriebs muss nachgewiesen werden, dass das System die erforderliche Sicherheit und Leistungsfähigkeit erreicht. Dabei werden sowohl die Technik als auch das Personal und die vorgesehenen Betriebs- und Notfallverfahren bewertet.
Ist ein Remote Tower rechtlich ein Tower?
Der Begriff „Remote Tower“ bezeichnet in erster Linie ein technisches und organisatorisches Betriebskonzept und nicht das herkömmliche Towergebäude.
Welche Aufgaben aus der Ferne wahrgenommen werden dürfen, hängt von der Zulassung des Systems, der Art des Flugplatzes und dem dort angebotenen Flugverkehrsdienst ab. Dabei ist insbesondere zwischen Flugverkehrskontrolldienst, Flugplatz-Fluginformationsdienst und Flugleitung zu unterscheiden.
Für Piloten bleiben die veröffentlichten Funkfrequenzen und Verfahren des jeweiligen Flugplatzes grundsätzlich bestehen. Der zuständige Arbeitsplatz befindet sich jedoch nicht mehr unmittelbar am betreuten Flugplatz, sondern im Remote Tower Center.
Technik im Detail
Wie viele Kameras werden eingesetzt?
Die genaue Kameraausstattung des Braunschweiger Systems ist nicht vollständig öffentlich dokumentiert. Allgemein verwenden Remote-Tower-Systeme mehrere Kameras, deren Bilder zu einer möglichst lückenlosen Rundumsicht zusammengesetzt werden.
Zusätzliche schwenk- und neigbare Kameras mit Zoom können dazu dienen, einzelne Bereiche oder Objekte vergrößert darzustellen. Abhängig vom jeweiligen System lassen sich außerdem Wetterdaten, Verkehrsinformationen und weitere Sensorinformationen in die Darstellung einbinden.
Funktionieren die Kameras auch bei Dunkelheit und schlechtem Wetter?
Geeignete Kameratechnik kann die Sicht bei Dunkelheit verbessern. Auch technische Bildbearbeitung und zusätzliche Sensoren können die Wahrnehmung unterstützen.
Optische Systeme unterliegen jedoch physikalischen Grenzen. Dichter Nebel, starker Niederschlag oder Schneefall können die Sicht ebenso beeinträchtigen wie bei einem herkömmlichen Tower.
Für jeden Standort wird daher festgelegt, unter welchen Sicht- und Wetterbedingungen der Betrieb zulässig ist. Werden die erforderlichen Voraussetzungen nicht erfüllt, greifen betriebliche Einschränkungen und festgelegte Ausweichverfahren.
Entsteht bei der Bildübertragung eine Verzögerung?
Die Kamera- und Betriebsdaten werden über Datenverbindungen vom Flugplatz zum Remote Tower Center übertragen. Für einen sicheren Betrieb muss diese Übertragung ausreichend schnell, stabil und zuverlässig sein.
Die konkret zulässigen Verzögerungswerte und technischen Kennzahlen der Verbindung zwischen Emden und Braunschweig sind nicht vollständig öffentlich dokumentiert.
Was geschieht bei einem technischen Ausfall?
Remote-Tower-Systeme besitzen technische und betriebliche Rückfallebenen. Deren genaue Ausgestaltung hängt von der jeweiligen Anlage und ihrer Zulassung ab.
Beim Ausfall einer einzelnen Komponente können beispielsweise redundante Systeme, andere Kameras oder alternative Datenquellen zur Verfügung stehen. Bei einer schwerwiegenden Störung greifen festgelegte Notfallverfahren. Falls die für einen sicheren Betrieb erforderlichen Informationen oder Kommunikationsverbindungen fehlen, kann der Flugbetrieb eingeschränkt oder vorübergehend eingestellt werden.
Arbeitsweise und Betrieb
Wer arbeitet im Remote Tower Center?
Im Remote Tower Center arbeiten entsprechend ausgebildete Fachkräfte der DFS Aviation Services GmbH. Welche Qualifikation erforderlich ist, richtet sich nach dem jeweiligen Flugplatz und der Art des dort angebotenen Dienstes.
Je nach Aufgabenbereich können außerdem technische Mitarbeiter und für die betriebliche Koordination zuständige Personen eingesetzt werden.
Wie läuft der tägliche Betrieb ab?
Anstelle des unmittelbaren Blicks aus einem Towerfenster nutzen die Mitarbeiter eine auf mehreren Monitoren dargestellte Rundumsicht. Je nach System stehen zusätzliche Detailansichten und weitere flugplatzbezogene Informationen zur Verfügung.
Die Arbeitsabläufe richten sich nach dem jeweiligen Flugplatz, der Art des angebotenen Dienstes und dem Verkehrsaufkommen. Durch den zentralen Kontrollraum lassen sich personelle und technische Ressourcen für mehrere Standorte gemeinsam organisieren.
Welche Rolle spielt Emden?
Emden ist der erste Flugplatz, der im Rahmen des niedersächsischen Projekts aus Braunschweig betreut wird.
Bei der Beschreibung der dort erbrachten Leistungen ist zwischen Flugverkehrskontrolldienst, Flugplatz-Fluginformationsdienst (AFIS) und Flugleitung zu unterscheiden. Diese Dienste besitzen unterschiedliche Aufgaben und Befugnisse und sollten daher nicht gleichgesetzt werden.
Wie funktioniert die Funkverbindung?
Piloten verwenden weiterhin die für den jeweiligen Flugplatz veröffentlichten Funkfrequenzen und Verfahren. Die Funksignale und weitere betriebliche Informationen werden über Datenverbindungen zwischen dem Flugplatz und dem Remote Tower Center übertragen.
Die eingesetzten Übertragungswege sowie die technischen und betrieblichen Rückfallebenen sind Bestandteil des zugelassenen Betriebskonzepts.
Sicherheit bei schlechter Sicht und technischen Störungen
Die zentrale Frage lautet: Wie bleibt der Betrieb sicher, wenn die Sicht eingeschränkt ist oder technische Probleme auftreten?
Die Sicherheit beruht auf mehreren Ebenen:
- Technische Darstellung: Kameras und weitere Systeme liefern die für die Betreuung des Flugplatzverkehrs erforderlichen Informationen.
- Ausfallvorsorge: Sicherheitsrelevante Komponenten werden so ausgelegt, dass der Ausfall eines einzelnen Bauteils nicht zwangsläufig zum Ausfall des gesamten Systems führt.
- Betriebliche Grenzen: Für unterschiedliche Wetter-, Sicht- und Betriebsbedingungen gelten festgelegte Einschränkungen und Verfahren.
- Rückfallebenen: Bei schwerwiegenden Störungen kann der Flugbetrieb eingeschränkt oder vorübergehend eingestellt werden.
- Zulassung und Überwachung: Technik, Personal und Betriebsverfahren werden vor der Inbetriebnahme geprüft und anschließend fortlaufend überwacht.
Ein Remote Tower ist somit weit mehr als eine Kameraanlage. Seine Sicherheit beruht auf dem Zusammenspiel von Sensorik, Datenübertragung, Darstellung, Kommunikation, qualifiziertem Personal sowie festgelegten Betriebs- und Notfallverfahren.
Wirtschaftlichkeit und Zukunft
Was kostet das Projekt?
Das Projekt wurde vom Land Niedersachsen finanziell gefördert. Eine genaue Angabe der Gesamtkosten und ihrer Verteilung auf Förderung, Betreiber und Projektpartner sollte nur auf Grundlage entsprechender Projekt- oder Haushaltsunterlagen erfolgen.
Warum kann ein Remote Tower wirtschaftlich sein?
Ein eigener Tower mit Personal und technischer Infrastruktur verursacht insbesondere bei kleineren Flugplätzen erhebliche Kosten. Ein zentrales Remote Tower Center ermöglicht es, Personal, Technik und organisatorische Abläufe für mehrere Standorte gemeinsam zu nutzen.
Ob und in welchem Umfang Einsparungen entstehen, hängt unter anderem vom Verkehrsaufkommen, den Betriebszeiten, dem Personalbedarf und den technischen Anforderungen der angeschlossenen Flugplätze ab.
Welche Flugplätze könnten künftig angeschlossen werden?
Das Braunschweiger Center ist nach veröffentlichten Angaben für die Betreuung von bis zu sechs Flugplätzen ausgelegt. Welche Standorte nach Emden angeschlossen werden, hängt von den jeweiligen technischen, betrieblichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Voraussetzungen ab.
Remote-Tower-Systeme werden inzwischen auch an anderen deutschen und europäischen Standorten im Regelbetrieb eingesetzt. Die dort gewonnenen Erfahrungen können in die Weiterentwicklung des niedersächsischen Centers einfließen.
Wie wird sich die Technik weiterentwickeln?
Ein wichtiges Forschungs- und Entwicklungsfeld ist die Betreuung mehrerer Flugplätze aus einem gemeinsamen Center. Dabei wird untersucht, unter welchen Voraussetzungen ein Arbeitsplatz nacheinander oder gleichzeitig für mehrere Standorte eingesetzt werden kann.
Weitere Entwicklungen betreffen die Einbindung von Wetterinformationen, Flugdaten und automatischen Hinweisen in die visuelle Darstellung. Das DLR-Institut für Flugführung in Braunschweig forscht weiterhin an solchen Konzepten.
Das Remote Tower Center verbindet damit die langjährige Forschung am Standort Braunschweig mit der praktischen Anwendung moderner Flugsicherungstechnik.
Quellen
[[https://dfs-as.aero/wp-content/uploads/2024/11/2024_PM_Eroeffnung-RTC-Niedersachsen-.pdf|DFS Aviation Services – Pressemitteilung zur Eröffnung des RTC Niedersachsen]] [[https://www.dlr.de/de/fl/forschung-transfer/projekte/virtual-tower|DLR-Institut für Flugführung – Virtual Tower]] [[https://de.wikipedia.org/wiki/Remote_Tower|Wikipedia: Remote Tower]] [[https://www.baf.bund.de/|Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung]] [[https://www.eurocae.net/|EUROCAE]] [[https://www.icao.int/|Internationale Zivilluftfahrtorganisation]] [[chronik:2020:start|Chronik des Flughafens Braunschweig-Wolfsburg]]
Autor: Swen E. Johannes unterstützt mit KI

